Ob Sultan, Frau, Sklave, Tier, Geist oder wer auch immer – in 1001 Nacht gibt es keine wirkliche Rangordnung. Weil allen Wesen der gleiche Glücksanspruch zugestanden ist, gibt es kein Ende der Geschichte. Und nichts, was zwischen Himmel und Hölle geschehen kann, ist Schahrased fremd.

Ob sie beim Frühstückstee sitzen oder zwischen der Wüste und den Hochhäusern von Abu Dhabi pendeln, immer wieder erzählt er ihr Märchen. Zuerst denkt sie: schon wieder diese betrogenen Sultane und diese erotisierten Dämonen, diese frechen Frauen und unbotmäßigen Sklaven aus 1001 Nacht! Das alles wurde vor langer Zeit von einer Frau erzählt, von Männern zensiert und wieder erzählt. Und nun ist da noch ein Mann, der es einer Frau neu erzählen will.

Aber er hört einfach nicht auf und nach ein paar Minuten hat er es geschafft, sie in seine Märchenwelt zu ziehen. Hin und wieder sagt sie: Dies oder das ist aber vielleicht anders gewesen in diesen 1001 Nächten! Am Ende sitzen sie zusammen vor dem Computer, in dem er alle seine Märchen aufschreibt. Und sie schreibt dann hinein, was sie sich anders vorstellt.
So ist dieses Buch entstanden.

Saddek Kebir stimmt dunklen arabischen
Gesang an und fängt an zu erzählen: von dem betrogenen Sultan und der schönsten
Frau im Harem, von der verqueren Männermoral und den
Wunden aus Stolz und verletzter Eitelkeit, von dem Balsam, den anderer Menschen
Unglück bringt. Er liest nicht vor, er trägt vor. Er improvisiert und
phantasiert...mischt jahrhundertealte Tradition mit Gegenwart... (Süddeutsche
Zeitung)
Leseprobe:
Trotz der vielen Festlichkeiten wirkte der Gast seltsam ernst und verschlossen. Die herrlichsten Speisen rührte er kaum an. Die Tänzerinnen und Sängerinnen schien er gar nicht zu beachten. Nach dem dritten Tage war Sultan Schahriar beunruhigt, weil es ihm nicht gelang, seinen Bruder, Sultan Schahsamèn aufzuheitern. "Was hast du, mein Lieber, fragte er, du scheinst abwesend zu sein? Hast du so große Sorgen in deinem Reich zurückgelassen?"
Schahsamèn war nicht in der Lage, mit dem Bruder über die Gründe seiner Trauer zu sprechen. Mit schwacher Stimme fragte er aber immerhin nach, ob es im Reich Schahriars auch Probleme mit Wollmännern gäbe.
"Meinst du diese Verrückten, deren einziges Kleidungsstück aus einer Wolldecke besteht? Die fast nichts essen, aber immer meditieren? Deren einzige Lebensfreude das Gebet ist?"
"Ja, die meine ich."
"Die hatten wir auch. Aber ich habe alle köpfen lassen, die ich erwischen konnte."
"Was? Warum denn?", fragte Schahsamèn erschrocken.
"Weil sie meine ganze Zivilisation vernichten wollten! Alles, was meine Künstler, Architekten, Köche, Bäcker, Gärtner und meine lieben Bauern je erfunden und hergestellt haben, wollten sie nicht nur vernichten, sondern sogar aus dem Gedächtnis der Menschheit bannen! Und das, behaupten sie, wäre der reine Wille Allahs. Aber da lachen doch die Gazellen!"
"Ich bin mir zwar keineswegs sicher, ob Menschen den Willen Allahs hundertprozentig erforschen können. Aber meinst du nicht auch, daß wir es uns zu kompliziert machen, wenn wir dem Volk sagen, daß ihn kein Irdischer ganz ergründen kann? Das macht das Regieren immer schwerer. Wäre es nicht besser, wenn wir sagen würden: Der Sultan im Verein mit seinen
Gelehrten- warum sollen nicht auch ein paar Wollmänner dabei sein? - kann den Willen Allahs ziemlich genau ergründen."
"Und was machst du, wenn du die Politik ändern willst? Oder mußt? Was wird dann aus dem Willen Allahs?"
"Das wird man eben von Fall zu Fall prüfen müssen. Aber ich bin mir sicher, daß es nicht Allahs Wille sein kann, wenn die einen in Palästen und die anderen im Staub leben. Ich habe deshalb schon öfter daran gedacht, mit den Wollmännern in Verhandlungen zu treten. Vielleicht ist irgendein Kompromiß möglich. Die Paläste ein bißchen kleiner, die Hütten ein bißchen größer?"
"Du bist verrückt. Diese Leute wollen alles oder nichts, die kann man nur ausrotten. Wenn du mit ihnen verhandeln solltest, würde ich mich gezwungen sehen, gegen dich Krieg zu führen. Damit das Reich unseres Vaters, das wir uns friedlich geteilt hatten, nicht dem Untergang anheim fällt."
Schahsamèn wiegte traurig seinen Kopf.
Als weitere drei Tage vergangen waren, machte sich Schahriar noch ernstere Sorgen um Schahsamèn. "Mein liebster Bruder, noch immer habe ich dich nicht lächeln sehen. Die Darbietungen meiner Tänzerinnen, Sängerinnen, Komponistinnen entsprechen wohl nicht deinem Geschmack? Sind sie dir vielleicht zu mager ? Soll ich noch dickere bestellen?"
"Nein, nicht nötig. Alles ist schön und angenehm bei dir. Nur fühle ich mich zur Zeit gar nicht gut."
"Vielleicht ist es die Abwesenheit deiner eigenen Frauen?"
"Ich bitte dich, erinnere mich nicht an meinen Harem!"
"Ist denn da etwas Schlimmes passiert?"
"Das kann man wohl sagen. Mein Harem ist Opfer einer Seuche geworden. Mehr mag ich dir nicht anvertrauen. Aber meine Wunde ist tiefer als das Rote Meer. Bitte, stell mir keine weitere Fragen mehr zu diesem Thema."
"Warum? Ich bin doch dein Bruder! Und nichts würde mir mehr Freude machen, als dir einen neuen, gesunden Harem zu schenken."
Schahsamèn verneinte durch trauriges Kopfschütteln.
Der Sultan Schahriar erhöhte noch einmal die Zahl der schönen Bauchtänzerinnen, Sängerinnen und Dichterinnen, um seinen Bruder zu erheitern. Als noch einmal drei Tage vergangen waren, ohne daß Schahsamèn froh geworden war, kam er auf die Idee, ihn mit einem Jagdausflug abzulenken: "So geht es nicht weiter, Schahsamèn. Du wirst mir vor Melancholie noch ganz krank. Da ich für dich verantwortlich bin, kann ich das nicht zulassen. Laß uns zusammen auf Löwenjagd gehen. Es gibt nichts Schöneres, als diesen Königen der Steppen nachzusetzen und sie schließlich zu besiegen. Ich leihe dir mein weißes Lieblingspferd Nedjm, das schneller als der Wind fliegt. Erfreue mein Herz und reite Nedjm. Öffne deine Seele, damit deine Wunde heilen kann!"
"Vielen Dank, sagte Schahsamèn, aber ich will lieber allein bleiben. Hier im Palast."
"Du wirst sehen, wie gut es dir tut! Gib dir einen Ruck!"
"Nein, danke. Es ist wirklich unmöglich. Ich kann nicht mitkommen."
So ging Sultan Schahriar, nun seinerseits voller Sorgen, allein auf die Löwenjagd.
Schahsamèn
beobachtete mit Befremden, daß sein Bruder einen das ganze Gesicht
verschleiernden Turban trug, als er inmitten seiner Jagdmannschaft, gefolgt von
seinen Hunden und seinen Falken, aus seinem Palast ritt. Offenbar sollten seine
Untertanen ihren Herrscher nicht zu Gesicht bekommen. Während Schahsamèn am
Abend der Abreise seines Bruders allein mit seinem Leid auf der Balkonterrasse
saß, hörte er im darunter liegenden Garten nicht mehr nur die beiden Bächlein
plätschern, die ihn von West nach Ost und von Nord nach Süd durchquerten,
sondern irgendwelche anderen Geräusche und Geflüster. Er sprang auf, suchte
einen größeren Abstand im kunstvollen Holzmuster der Balustrade und blickte
hinunter. Da sah er, wie aus einer Tür des gegenüberliegenden Harems seines
Bruders junge Frauen in den Garten traten. Jede von ihnen trug eine große Kerze
in der Hand. Sie waren mit so dünnen, ja transparenten Stoffen bekleidet, daß
Schahsamèn plötzlich spürte, wie seine Lebensgeister zurückkehrten. Ohne
einen Diener zu bemühen, suchte er sich selbst einen Hocker, um vor der Öffnung
bequem Platz nehmen und beobachten zu können, was da unten vor sich ging. Merkwürdig,
dachte er, was haben die vor? Diese Mädchen sehen nicht aus, als wenn sie
beabsichtigen, im Garten spazieren zu gehen.
...........
Schahriar murmelte: "Ich weiß nicht, ob ich mich mehr fürchten soll, wenn stimmt, was du sagst oder wenn sich herausstellt, daß du nicht mehr alle Tassen im Schrank hast, mein Brüderchen."
So gab er den Befehl, erneut Vorbereitungen für die Jagd zu treffen. Und seinen chinesischen Werkstätten gab er den geheimen Auftrag, sechzehn prächtige Papiertiger zu bauen, in denen jeweils drei Sklaven Platz hatten, die durch den Rachen der Tiere insgesamt siebenundzwanzig Säcke Bonbons auf die Straßen schleudern sollten.
Diese Vorbereitungen nahmen vierzehn Tage in Anspruch. In dieser Zeit dachte Schahriar zwar mehr als sonst über seinen Harem nach, besuchte ihn aber in ganz gewohnter Weise und konnte nichts Verdächtiges feststellen. Am fünfzehnten Tage nach dem Gespräch mit dem Bruder verließ er unter dem Beifall der Bevölkerung mit seinem Jagdgefolge prunkvoll die Hauptstadt in Richtung der nördlichen Wälder. Unter dem Vorwand, daß er Kopfschmerzen habe, ließ er schon am Nachmittag das Lager aufschlagen. Nur sein Kammerdiener und Leibwächter Abu Khalid wußte, daß er in der Abenddämmerung heimlich in seinen Palast zurückkehren würde - und zwar allein. Schahriar wollte die Gelegenheit nutzen, wie es der Kalif Harun-al-Rachid zu tun pflegte, auch einen Teil seiner Hauptstadt unerkannt zu inspizieren.
Abu Khalid schlug ihm für seinen Ausflug die schmucklose Garderobe eines einfachen Kaufmanns vor. Als er sie ihm Stück für Stück angezogen hatte, sagte Schahriar: "Wo bleibt der Mantel?"
"Mein Sultan, ich muß Sie daran erinnern, daß Sie dem Volk das Tragen von Wolle verboten haben. Es ist den Adligen vorbehalten."
So mußte sich Schahriar darin fügen, nur mit einem leichten Umhang bekleidet, in die Stadt zurückzugehen. Der treue Abu Khalid sollte ihn zwar nicht begleiten, dem Sultan aber eine halbe Stunde später auf dem vorgezeichneten Weg folgen, der nicht nur durch Armenviertel, sondern auch durch geheime Gänge, sogar bis in das unter dem Palast befindliche Gefängnis führen sollte. Da die Herrschaftsgebäude auf einer Anhöhe lagen, und man sie von überall her sehen konnte, riskierte unser Sultan nicht, sich in seiner Stadt zu verlaufen. Für die unterirdischen Wege und Gänge führte er eine Karte mit sich.
Es war das erste Mal, daß Schariar die Stadt ohne Schleiervorhang, ohne Leibwächter und zu Fuß betrat. Zum ersten Mal hatte man ihm keine Teppiche ausgerollt, keine Jubelperser herbeizitiert und keine prächtigen Nachtlampen aufgestellt. So wunderte er sich ehrlich über den unsäglichen Gestank der Gassen und den vielen Unrat, durch den er waten mußte. Obwohl er nicht länger als eine Stunde unterwegs war, schmerzten ihm Rücken und Füße. Wieso zum Teufel, sagte er sich, haben meine verdammten Vorgänger das Pflaster hier so schlampig legen lassen, daß die Hälfte der Steine lose herumliegt und der Fußgänger sich jeden Augenblick das Bein verstauchen kann.
Die meisten Leute waren noch wesentlich schlechter gekleidet als er. Einige scharten sich um Feuerstellen, über denen Suppenkessel hingen, von denen größtenteils üble Gerüche ausgingen. Schließlich trat er an eines dieser Feuer heran. Es gehörte einem Mann, der neben sich einen Korb mit Eiern stehen hatte, die er offenbar verkaufen wollte.
"Frieden sei mit dir!" murmelte der Sultan. "Darf ich mich bei dir ein wenig ausruhen?" Und nun erlebte er zum ersten Mal, daß ein Mensch, ein Untertan, ihn, vor dem sich gewöhnlich alle niederzubeugen pflegten, noch nicht einmal einer Antwort würdigte. Der Mann sah ihn vielmehr eine Weile lang verächtlich an, um ihm schließlich zuzuflüstern: "Du Schwein. Ich warte schon drei Stunden auf dich. Wofür hälst du dich? Mich so lange warten zu lassen!"
Schahriars Überraschung ist nicht zu beschreiben, daß er von so einem Ganoven mit übelriechendem Atem als Schwein bezeichnet und beschimpft werden konnte. Am liebsten hätte er sein Schwert gezogen und den Mann auf der Stelle geköpft. Aber er hatte sein Schwert zurücklassen müssen und den Dolch, den er unter seinem Obergewand trug, mußte er für noch kritischere Situationen zurückhalten. Schließlich war die Straße sehr belebt. Man hätte ihn verhaftet, zur Hauptwache geführt, dort seine Identität erkannt. Und aus der Inspektion des Harems wäre dann wieder nichts geworden. Er erkannte zum Glück rechtzeitig, daß er lieber schweigen sollte.
Damit war der Eierhändler aber nicht zufrieden. Vielmehr schrie er ihn an: "Zum letzten Mal, in Allahs Namen - nimmst du sie nun mit oder nicht?"
"Sie brauchen nicht so zu schreien“, sagte Schahriar leise, was soll ich mitnehmen?"
"Na was schon - deine unmögliche Tochter!"
"Meine Tochter?"
"Na tu doch nicht so, als wüßtest du nicht bestens Bescheid. Ich mußte sie verstoßen, weil sie Tag und Nacht weint und behauptet, eine Tochter unseres gehörnten Sultans zu sein! Nimm deine verrückte Brut endlich wieder mit nach Hause!"
Schahriar fiel beinahe in Ohnmacht: "Was sagst du da von unserem Sultan?"
"Lenke nicht ab. Du wirst deine Tochter auf der Stelle mitnehmen, sonst rufe ich die zwei Wächter dort. Die werden dich verprügeln."
"Ja, gut. Ich nehme meine Tochter mit!" sagte Schahriar in höchster Not.
"Dann verzichtest du auch auf die Rückzahlung der tausend Dinare, die ich dir schulde?"
"Ja, natürlich."
"Hier hast du deine Tochter!"
Damit zog der Mann unter seinem Gewand eine plötzlich laut gackernde Henne hervor und schmiß sie Schahriar ins Gesicht. "Was soll das?" schrie der.
"Das ist deine Tochter. Erkennst du nicht mehr wieder, was du selber verzaubert hast? Kinder wollte ich von ihr haben und nicht jeden Morgen ein Ei. Ich werde nie mehr die Tochter eines Zauberers heiraten."
Schahriar, der die Henne nun im Arm hielt, konnte sich nicht zurückhalten und sagte: "Ich wußte nicht, daß ich über ein Volk von Verrückten herrsche!"
"Jetzt fängst du auch selber noch an, den Sultan zu spielen", schrie der Mann. Nimm auch deine verdammten Enkelkinder an dich und mach dich davon!"
"Wo sind die denn?" fragte Schahriar ängstlich.
"Vor dir stehen sie!" Und damit reichte ihm der Mann den Eierkorb. Schahriar nahm ihn wortlos in die andere Hand und lief mit eiligen Schritten davon.
Zwei Gassen weiter stellte er den Korb in einen Hauseingang. Die Leute würden sich über so ein Eiergeschenk zweifelsohne freuen. Als er aber die Henne unter seinem Gewand hervorzog, um sie laufen zu lassen, hörte er sie mit menschlicher Stimme sprechen: "Vati", sagte sie ganz deutlich",du kannst mich jetzt doch nicht schon wieder wegschicken. Noch nie hast du mich an deinem Herzen getragen. Es war so schön!"
Schahriar sah der Henne ins Gesicht und merkte zu seinem Erstaunen, daß sie große menschliche Augen hatte.
„Allah - kann es sein, daß ich auch über sprechende Tiere herrsche?“
„Nein, antwortete die Henne. Du bist nicht der König David, der die Sprache der Vögel verstand, und ich bin keine Henne. Wir beide sind verzaubert. Du bist der Sultan Schahriar und ich bin deine verzauberte Tochter Nur-el-Hudda."
"Wieso verwandelt sich meine Tochter in eine Henne?"
"Aus Sehnsucht nach dir, Vati."
"Das verstehe ich nicht."
Die Henne seufzte. Das ist es ja gerade. Ich mußte mich in eine Henne verwandeln, um aus dem Mädchenflügel des Harems entwischen und heiraten zu können. Und heiraten wollte ich nur, weil du uns Kinder nie besucht und nie mit uns gespielt hast! Nie hast du mit uns zusammen gegessen. Niemals hast du uns Geschichten erzählt!"
"Eure Mütter müssen euch doch klar gemacht haben, daß ich gar keine Zeit dafür habe", sagte Schahriar. "Außerdem seid ihr viel zu viele. Wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich nicht einmal genau, wie viele Kinder ihr seid."
"Wir sind 1001 Töchter!"
Schahriar war erneut höchst erstaunt. "Wenn ich über 1000 Töchter habe, müssen ungefähr ebenso viele Söhne existieren, denen ich Eintritt in die Welt verschafft habe. Allah wird mit mir zufrieden sein und unser Prophet Mohamed wird mir am Tage des Jüngsten Gerichts dafür eine Menge Punkte gutschreiben!"
"Bist du sicher, Vati?"
"Ja, natürlich. Wenn ich an die vielen Kinderchen denke, die ihr wiederum in die Welt setzen werdet, kann ich sagen, daß ich die Welt um tausende und abertausende Muslime bereichert habe. Jede Geburt stärkt unser Volk!"
"Deine vielen tausend Kinder und Kindeskinder, Vati, sind aber unglücklich."
"Unglücklich? Das würde Allah und dem Propheten tatsächlich mißfallen. Aber warum zum Teufel seid ihr unglücklich? Soweit ich weiß, habt ihr alles im Palast, wovon Kinder nur träumen können. Ich habe für euch Spielzeug erfinden lassen, das erst im nächsten Jahrhundert auf den Markt kommen soll! Was fehlt euch denn?"
"Uns fehlt der Vater. Du hast mich kein einziges Mal besucht oder meinen Namen gerufen."
"Das stimmt", gab Schahriar zu. "Wie heißt du denn, meine Tochter? Ich habe deinen Namen schon wieder vergessen."
"Ich heiße Nur-el-Hudda, die Unglückliche, antwortete die Henne. Und ohne sich zu verabschieden, sprang sie ihm plötzlich vom Arm, rannte in wahnsinnigem Tempo die Gasse hinab und flatterte in einen Brunnen.
"Nur-el-Hudda! Nur-el-Hudda!" schrie Schahriar ihr nach. "Komm zurück und erzähl mir weiter von meinem Harem!" Aber die Henne schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Schahriar war bang ums Herz, denn er war auf geheimnisvolle Weise bereits mit unangenehmen Tatsachen seines Harems konfrontiert worden, ehe die eigentliche Inspektion begonnen hatte.
An einem königlichen Wappen, das in einen der unteren Brunnensteine reliefartig eingelassen war, erkannte Schahriar, daß er genau hier hinabklettern mußte, um in jene geheimen unterirdische Gänge zu gelangen, durch die er den Palast von unten her betreten konnte. Nachdem er auf siebenundneunzig wackligen Eisenstreben heruntergestiegen war, schleppte er sich eineinhalb Stunden durch ein Labyrinth muffiger Gänge und watete durch Abwasserkanäle, die noch weitaus widerlicher als die Oberstadt stanken.
Schließlich vernahm Schariar immer deutlicher Wehklagen und Stöhnen, woraus er schloß, daß er sich dem Gefängnis näherte. Und nachdem er mit einem speziellen Geheimschlüsselbund mehrere Gittertüren und Eisenpforten geöffnet hatte, stand er plötzlich mitten unter den apathisch sitzenden oder liegenden Gefangenen. Nie hatte er diesen Ort besichtigt. Von den Zuständen, unter denen die Gegner seines Regimes vegetierten, hatte er keine Ahnung. Nun sah er, daß sie in bestialischem Gestank und ohne jedes Sonnenlicht schlimmer lebten als Tiere. Er fand es erstaunlich, daß viele hier nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte überlebt hatten. Nachdem er sich gefragt hatte, ob Allah ihm so flagrante Verletzungen der Menschenrechte verzeihen würde und er vor Mitleid mit seinen Gefangenen beinahe anfing zu weinen, fiel ihm ein, daß er das Losungswort vergessen hatte, mit dem ihn der Wächter in seinen Palast lassen würde.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich neben einen der Gefangenen niederzulassen und zu warten, bis sich Abu Khalid durch die Gassen der Stadt, den Brunnen und die unterirdischen Gänge bis zum Gefängnis durchgearbeitet hatte. Schahriar traute seinen Ohren nicht, als der zahn- und haarlose Alte neben ihm plötzlich sagte: "Willkommen, Sultan, hier im Reich der Düsternis! Gut, daß dir endlich Gerechtigkeit widerfahren ist. Ich möchte nur wissen, wer die Putschisten sind, die dich abgesetzt haben und ob Hoffnung besteht, daß wir freikommen!"
"Du irrst dich,
antwortete der Sultan mit zitternder Stimme. "Ich bin nicht der
Sultan."
"Natürlich bist du's", fuhr der andere fort, "ich bin dein alter Hofschneider und erkenne dich an dem Leberfleck, den du am Halse trägst. Du hast mich hierher verbannt, weil dir die Gewänder, die ich dir machte, nicht prächtig genug waren." Und ohne, daß Schahriar etwas dagegen unternehmen konnte, fing der Mann an, die verbotenen Hymne
Freut euch Muslime, der Tyrann ist bestraft
zu singen, laut und lauter. Es dauerte nicht lange, daß auch die anderen Gefangenen in die Hymne einfielen. Da aber die Wachsoldaten von einem Putsch nichts gehört hatten, schlugen sie den Freudentaumel in wenigen Minuten nieder. Es wäre natürlich zu viel verlangt gewesen, wenn sie unterschieden hätten, wer mitgesungen hatte und wer nicht. Und da Schahriar seine Identität nicht lüften konnte, wurde auch er erbarmungslos verprügelt. Der getreue Abu Khalid traf im allerletzten Moment ein, um ihn vor ernsthaften Verletzungen zu bewahren. Mit dem Codewort machte er den Wachmannschaften klar, daß sie auf einen Inspektor eingeschlagen hatten. Unter allgemeiner Verwirrung und Trubel geleitete nun ein hoher Offizier den vermeintlichen Inspektor und seinen Diener aus dem Gefängnis heraus in den Palast.
Schahriar begab sich sofort in die Gemächer seines Bruders. Dort nahm er ein mit Rosenholzöl gewürztes Bad, um sich vom ersten Teil seiner über Erwarten anstrengenden Inspektion zu erholen. Seinem Bruder Schahsamèn, der ihm, wie er es als kleiner Junge oft getan hatte, im Becken Gesellschaft leistete, erzählte er: "Ich habe ein vollkommen anderes Volk gesehen, als ich es gewohnt bin. Wenn ich meine Hauptstadt offiziell besuche, sehe ich nur saubere Straßen. Und ich werde von freundlichen, aufmerksamen und ergebenen Menschen begrüßt. Heute habe ich etwas völlig anderes erlebt. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß die Stadt so schmutzige Viertel hat. Und daß das Volk, fühlt es sich unbeobachtet, so - wie soll ich sagen - so gar nicht edel, sondern niedrig und haßerfüllt ist. Dabei liebe ich doch alle! Zum Glück ist wenigstens meine Hofgesellschaft gesitteter."
"Dir fehlen gute Berater, sagte Schahsamèn, Berater, die dir die Außenwelt so darstellen, wie sie ist. Nicht wie du sie dir wünschst."
"Du hast recht. Es wird höchste Zeit, daß ich meine jetzigen Berater entlasse und vielleicht einige zur Strafe köpfen lasse. Das ist auch die angemessene Warnung für die zukünftige Mannschaft. Inch Allah!"
"Wenn du willst, daß dich die Bevölkerung weniger haßt, würde ich mit dem Köpfen vorsichtiger sein", wandte Schahsamèn ein. "Jetzt mußt du dich so und so auf etwas anderes konzentrieren. Aber ich verspreche dir Erholung. Nach dem Elend auf den Straßen deiner Hauptstadt wirst du gleich ein unglaublich schönes Schauspiel erleben."
Schahriar war durch seine Erlebnisse so traumatisiert, daß er sich weniger denn je vorstellen mochte, in seinem Harem liege ebenfalls allerhand im Argen.
In
manchem heutigem Harem liegt auch allerhand im Argen!" ruft eine junge Dame
aus dem Publikum. "Schluß mit der Polygamie!"
"Schluß
mit der Polygamie!" ruft ein Großteil der Frauen sowie ein kleiner Teil
der Männer.
"Abschaffen!"
läßt sich erneut die junge Frau vernehmen und viele pflichten ihr bei.
Der
Mann mit Schnurrbart gibt zu bedenken, daß sich heutzutage kaum eine Mann
mehrere Gattinnen leisten könne und die Institution der Polygamie vor allem
deshalb erhalten bleiben müsse, weil die anderen Kulturen, allen voran die
Christenheit, die Muslime darum schrecklich beneiden.
"Aber
nur die christlichen Männer", antwortet die junge Frau.
Der
Schnurrbärtige fügt schnell hinzu: "Bei den Christen kann sogar der
Herrscher wegen einer lächerlichen kleinen Affäre öffentlich gemaßregelt
werden. Der Herrscher der Neuen Kontinente, der sich für den Herrscher der Welt
hält, soll deshalb gesagt haben: ‚'Wäre ich Muslim, würde ich keine Kriege
mehr führen, sondern mich ausschließlich meinem Harem widmen.' Daran sehen
Sie, daß ein Harem friedensfördernd sein kann."
"Die
Frau dieses Herrschers und auch alle anderen Frauen denken da anders!"
schreit alsbald die mutige junge Frau. Weder Christinnen noch Musliminnen wollen
ihren Mann mit anderen Frauen teilen. Es sei denn", fügt sie etwas leiser
hinzu, "der Gesetzgeber entschließt sich, die Polygamie auch für Frauen
zuzulassen."
Nachdem
das Lachen der männlichen Gäste verstummt ist...
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